22.01.1949 – 20.02.2026
Hallo Dieter, hallo Titus!
Nun bist du für uns alle überraschend auf deine letzte große Langfahrt gegangen. Es war doch noch so viel zu zusagen, zu erledigen, abzuarbeiten und zu erleben….

Wir kannten uns seit etwas mehr als 70 Jahren, weil meine Eltern im Hause Rist verkehrten. Meine Eltern bewohnten in den 1950er Jahren eines eurer Bootshäuser zur Miete in der Anlage 2 der damaligen BSG Empor Sektion Segeln, denn deine Eltern hatten ein neues Einzelhaus am damaligen Südzipfel des 1. Sees des Inselsees gebaut. Später wurden wir dann direkte Nachbarn, weil meine Eltern ein Haus direkt neben dem eurigen errichten durften. Wir verbrachten unsere Kindheit am See und wurden beide 1959 Mitglied in der damaligen BSG Empor Sektion Segeln und segelten dann auch auf dem Ristschen Piraten GO 110 zusammen.
Die Großfamilie Rist war eine Handwerkerdynastie in Güstrow. In der Hageböcker Straße 99 mit der Schlosserei deines Vaters Karl Rist mit dem Heizungsbau, Waagenbau und dem Eichamt, in der Langen Stege mit dem Firmensitz deines Onkels und der Sägerei und Zimmerei in der Prahmstraße und in der Neukruger Straße mit dem Fahrzeugbau eines weiteren Familienmitglieds. Alle trugen den Namen Rist, diese Familie war eine Instanz. Die Betriebe haben dann aber den Sozialismus nicht überlebt und wurden in andere Gewerke und Betriebe umgewandelt. In der Schlosserei deines Vaters und späteren Inhabers Hans Rist arbeiteten auch Karl-Joachim Hauer (Korl auch Bübi genannt) und der „alte Backi“.
Als Kinder hatten wir immer Rhabarberohren wenn die Alten erzählten. Und wir saßen oft bei Karl Rist im großen Ledersessel und lauschten aufgeregt den Erzählungen. Auch deine Mutter Annelise war eine dominante Unternehmerfrau.
1959/60 gingen wir beide jeweils ab der 5. Klasse auf die KJS Güstrow (Kinder- und Jugendsportschule – heute John-Brinckman-Gymnasium, Haus 2, du als Leichtathlet ich als Turner. Segeln gab es damals dort nicht, das wurde erst mit dem Umzug der Schule nach Schwerin in das Programm aufgenommen. Uns zog es verständlicherweise doch mehr an den See.
Dort an der KJS machten wir so manche Streiche und ich erinnere mich, unsere Klassenräume lagen nebeneinander, wie wir einmal eine Tafelschwammschlacht austrugen und du dem Schuldirektor Dummer, der gerade im Flur um die Ecke bog, einen nassen Schwamm an den Kopf geworfen hast. „Wer war das?“ Alle Schüler schwiegen wie ein Grab, keiner konnte weichgeklopft werden. Eine Kollektivstrafe war schwierig. Es war nur eine von vielen schulischen Episoden.
Wir segelten dann zusammen in der Kindheit Regatten in verschiedenen Piraten und auch im Wechsel mit unseren Senioren. Unseren größten Erfolg landeten wir 1964 mit einem 4. Platz bei der Mecklenburger Segelwoche in Plau. Es waren 30 Jugend- und 50 Seniorenpiraten am Start. Wir durften damals den legendär schnellen „Rasmus“, den Piraten GO 631 segeln. Dann trennten sich unsere Wege, aber doch nicht so richtig. Du hast im KfL (Kreisbetrieb für Landtechnik) Karow eine Schlosserlehre begonnen. Ich ging zur Erweiterten Oberschule und habe nebenschulisch auch eine Schlosserlehre im gleichen Betrieb aufgenommen.
Die BSG Empor ging Anfang der 60er durch Fusion in die BSG Lokomotive, so dass wir komfortabel bei der damaligen Ostseewoche in Armeemannschaftswaggons, die auf den Abstellgleisen im Warnemünder Bahnhof standen (heute das Terrain des Passagier Kais) schliefen. Du hattest begonnen FD zu segeln, der hatte witzigerweise auch die Nummer GO 110. Zur Ostseewoche 1966 bist du in dieser Bootsklasse mit Klaus Wassmann an der Pinne Sieger der B-Wertung geworden, das war die Wertung der Nichtklubsportler, und Christian Fritzsche und ich gewannen im Piraten. Unser damaliger Chef de Mission Werner „Emmi“ Heiden und alle anderen waren total happy und stolz wie Bolle.
Du bist dann nach deiner Lehre in die PGH Metall zum Aufzugsbau gewechselt und warst mit Martin Wolf ein Team, nein ihr wart ein Dreamteam im Aufzugsbau und Martin wurde auch schnell Mitglied in unserem Verein. Ich habe euch manchmal bei der Arbeit begleitet, die sich im ganzen Bezirk Schwerin verteilte. Auffallend war: Ihr wart überall gerne gesehen. Denn neben dem Aufzugsbau habt ihr auch nebenbei in den Betrieben noch viele andere Dienstleistungen erledigt. Küchengeräte repariert, alles was mit Elektrik und Metall oder auch anderem zu tun hatte war euer Metier. Ihr hattet goldene Hände. Dafür gab es Essen in den Kantinen, Fisch und Räucherfisch im Großhandel und sonstige Engpassprodukte als Dank für die sozialistische Hilfe im Arbeiter- und Bauernstaat.
In den 70ern betrieb Frau Editha Bachmeyer die „Ziehharmonika“ (mobile Behelfskneipe) in der Güstrower Südstadt. Sie machte mal Urlaub und du und Martin übernahmen in dieser Zeit die Vertretung. Vorweg: Es war eine tolle Zeit. Wir bestückten die Musikbox mit meinen Platten, die ich zum großen Teil aus Dänemark geschenkt bekommen hatte. Stones, Beatles, Kinks, Yardbirds, Bee Gees, Elvis und und und. In der Ziehharmonika ging die Post ab. Das ging wie ein Lauffeuer durch Güstrow und die Studenten und -innen der damalige PH (Pädagogische Hochschule) waren Dauergäste. Der Laden war am Abend und den Wochenenden rappeldicke voll. Und so manches mal um 24:00 Uhr – Polizeistunde in der DDR – die Leute mussten am nächsten Tag fit sein, um den Sozialismus aufzubauen, wurden dicke Vorhänge vor Türen und Fenster genagelt und drinnen ging die Post ab. Frau Bachmmeyer staunte später über eure gemachten Umsätze.
Martin und du waren Kettenraucher, jeder 30 bis 40 Zigaretten am Tag waren in der PGH-Zeit beim Autofahren keine Seltenheit. Von einem Tag auf den anderen wurdet ihr im positiven Sinne militante Nichtraucher. Davon profitierte der gesamte Verein, denn ab sofort wurde das Rauchverbot in unseren Räumen durchgesetzt mit Aufklebern und verbal. Und – das war weit vor dem Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden und Räumen! Wer wollte sich dir schon widersetzen!
Martin ging dann auch studieren und wechselte aus der PGH in die Selbständigkeit (Plattenladen), du gingst dann zur MAB (Metallaufbereitung) Rostock Außenstelle Güstrow. Dort erlernten wir von dir das Schrottsammeln. Das half so manchen Engpass bei der Finanzierung des Segelns zu überwinden. Darüber hinaus war diese Zeit äußerst produktiv für unseren Verein. Du hast über das MAB vieles organisiert: Fahrzeuge für Transporte, Zement für den Verein aus der Zementtankstelle, Holz (Kanthölzer, Bretter), Metall, Bagger, Werkzeuge, Hebezeuge, Zahnstangenwinden, Nussschinken und und und. Du hast im Wasser gestanden Bootshäuser gehoben, gerammt, instand gesetzt, unsere Schuppen als Aktivposten miterrichtet. Wenn irgendetwas klemmte: Nicht verzagen Dieter fragen.
Dazu gehört auch die Begebenheit mit Meiers und Klöckis Haus in Güstrow Dettmannsdorf. Meier wollte an das Haus eine Garage anbauen, das Dach sollte eine große Terrasse werden. Der Aushub war getätigt die Fundamentgräben lagen tiefer als die Hausfundamente. Wir waren beim Feiern im Kurhaus und es goss wie aus Kannen. Irgendwann in der zweiten Nachthälfte wurde offensichtlich die Hauswand unterspült und die Wohnzimmerwand samt großer Panoramascheibe fiel heraus (sie blieb wie durch ein Wunder heil!). Großer Schreck – hier kann nur Dieter und die Schrottcrew helfen. So geschah es auch, Dieter rausgeklingelt trotz Bettschwere, LKW, Zahnstangenwinden, Hubzüge, Kanthölzer, Baustützen und ab zu Meier. Dieter rein in das Haus unter die Kellerdecken, hochgekurbelt, Stützen und Kanthölzer rein. Haus gerettet. Dieter sagte mir später: „Wenn ich nüchtern gewesen wäre hätte ich mich wohl nicht getraut!“, Ja so gibt es wohl auch im übertragenden Sinne Gutes, wenn man sagt „Im Wein liegt die Wahrheit“! vielleicht auch Mut und Weisheit.
In dieser Zeit bekamst du den Namen „Titus“ verpasst. Der Ehrwürdige und oder Feurige. Dieser römische Kaiser stand für Milde, Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft. Ja, dieser Name passte zu dir, wie die Faust aufs Auge. Besser konnte man dich in deinen Schaffensjahren nicht beschreiben!
Dann fuhren wir im Jahr 1984 zum Verbandstreffen in Röbel (alle in der DDR gesegelten Meisterschaftsklassen Amateure und Klubsportler waren dort vereint). Du hattest ein Kajütmotorboot vom MAB organisiert, das Martin als Begleitboot fuhr, das hatte Sportclubniveau. Munki und Rainer Päßler wurden DDR-Meister auch dank dieser Unterstützung.
Legendär waren auch die Feiern und die Eisbeinessen in der Hageböcker Straße, deinem Elternhaus, und später in der Domstraße. Dort fand auch die Gründung der Unterstützungskasse Segeln, um nicht „Schwarze Kasse“ zu sagen, statt. Wir haben damals unter deinem Dach beschlossen, dass jeder Aktive unseres Vereins 5 Mark pro Monat in diese Kasse legt. Unser normaler Beitrag im Verein war damals als Kind 20 Pfennig, als Lehrling und Student 80 Pfennig und als Erwachsener 1,30 Mark. Dieser Betrag half natürlich ungemein (ca. 50 Unterstützer). Der große Vereinsvorstand vermutete so etwas, weil sie sich nicht erklären konnten, was wir manchmal so beschafften, bauten, veranstalteten, aber auch in diesem Fall hielten alle dicht und es half unserem Verein sehr, es erleichterte auch den Übergang des Vereinsbeitrages zur Wende, da hatten andere Vereine heftige Diskussionen als die Vereine sich plötzlich alleine tragen mussten.
Anfang der 1980er hatten wir durch meine Eltern über Dänemark Kontakte zu Piratenseglern im anderen Teil Deutschlands aufgebaut. Mit diesen entstand die Idee, wenn wir nicht in Deutschland gegeneinander segeln können, dann in Ungarn. Das ging nur mit dir, denn es war verboten ohne Genehmigung des DTSB als BSG-Sportler zu Starts in Ausland zu reisen. Wir hätten für diesen Start nie eine Genehmigung bekommen, da man wusste, dass dort Segler aus der BRD und anderen westlichen Ländern starteten. Wir haben es gar nicht erst probiert, wer will schon schlafende Hunde wecken. Also machten wir uns mit unseren Familien, Boot und Hänger auf den Weg nach Siofok als Urlauber auf, um an der ungarischen Staatsmeisterschaft auf dem Plattensee teilzunehmen. Unser Boot bekam von Manuell Stiff, einem Piratensegler aus Münster, der uns schon ein paar mal in Güstrow besucht hatte ein komplettes Westrigg verpasst, da mussten wir einiges umbauen. Alles klappte und unter 120 Startern belegten wir einen Mittelfeldplatz, nur bei Hack segelten wir echt vorne mit (unter die ersten 10). Das betraf leider nur zwei Wettfahrten, ansonsten war es eher schwachwindig auf dem Balaton und da lief es nicht so. Das Allerwichtigste aber war, wir hatten Kontakte geknüpft, seglerisch und menschlich, die bis heute nicht abgerissen sind! Über diese Fahrt und die Randepisoden mit dir gäbe es noch viel mehr zu erzählen. Du warst auch dort einfach toll!
Ihr wart erfolgreich bei vielen Regatten, Gewinner des Silbernes Beiles, und konntet gute Platzierengen bei DDR-Meisterschaften erreichen. Die Bezirksmeisterschaften, bei denen ihr auch erfolgreich wart, wurden jedes Jahr in Schwerin gesegelt. Vieles haben wir dort in unserem Quartier bei der seinerzeitigen BSG Tiefbau Schwerin erlebt. Gesegelt, gelebt, Spaß gehabt. Zum Beispiel die Episode mit „Kibitz halts Maul!“ Wir waren beim Skaten nach dem Segeln in der Tiefbaugaststätte. Da kam ein Kibitz im besten Sonntagszwirn, er wollte in Schwerin aufs Derby, und gab Ratschläge. Er bekam die eingangs benannte Warnung, ignorierte selbige, du schautest dich einmal in der Runde um, alle sprangen auf und der Kiebitz wasserte. Der Skat ging weiter. Der Kiebitz zog seinen zweitbesten Zwirn an und kiebitzte wieder mit Kommentar. Ein Blick von dir und der Kibitz wasserte ein zweites Mal ins kühle Nass. Er hat dann auf das Schweriner Nachtleben verzichtet. Die weiteren vielen Episoden kann ich nicht alle niederschreiben, du warst fast immer dabei, und hast eine tragende Rolle gespielt.
Dann hast du dich nach Berlin verabschiedet. Ich war bei deinem Abschied am See und „Old Backi“ auch, der für dich wie ein älterer Bruder war. Er sagte zu mir: „Na, ik glöw Dieter kümmt irgendwann mitn Persilkarton torüch“.
Du hast dann deinen Familiensitz in der Hageböcker Straße nach der Wende verkauft, vorher hast du dein Haus in der Domstraße an unsere Handweberin Annelie Fritzsche übergeben und leider wurde auch das schöne Bootshaus neben dem Bootshaus meiner Eltern, an einen Hamburger (sind heute gute Nachbarn) verkauft. Das war sicherlich nicht auf deinem Mist gewachsen, du solltest keinen Fixpunkt mehr in Güstrow haben.
Du warst in Berlin dicht bei deiner Mutter, die in den Endsiebzigern nach Westberlin umgezogen war. Mit einem Passierschein und einer täglichen Besuchserlaubnis Westberlin konntest du deine Mutter pflegen und es eröffneten sich ganz neue Arbeitsmöglichkeiten. Du hast dann nach der Wende den Pferdehof in Zielow an der Müritz aufgebaut. Pensionspferde und Urlauber das war dein Metier. Denn du konntest sowohl mit Pferden als auch mit Menschen umgehen. Auch Gastronomie war dein Ding (s. Ziehharmonika in der Südstadt). Zielow mit dem Findling (auch der ist eine Geschichte wert) vor dem Eingangstor war sicherlich ein weiterer toller Lebensabschnitt, wir haben dort deinen 50. Geburtstag gefeiert
Aber Anfang der 2000er – hast du dort deine Zelte abgebrochen. Ich war zufällig am See wie du vorgefahren kamst und mit deinen Koffern aus dem Auto ausstiegst und bei Martin erst mal Unterschlupf fandest. Da musste ich an Old Backis Worte beim Abschied nach Berlin etwas mehr als ein Jahrzehnt zuvor denken.
Du hast dann bei der Firma Stock angefangen, die bei laufendem Verkehr und meist an den Wochenenden Brückensanierungen durchführte. Du warst für den Übergang Straße Brücke verantwortlich und in ganz Deutschland und darüber hinaus tätig. Die Arbeitszeiten waren nicht prickelnd aber das Einkommen war fürstlich. In der Zeit hast du dann das Gartenhaus am Fischerweg gegenüber unseres Vereinshauses als neue Bleibe aufgebaut und andere nachgezogen.
Du warst wieder da! Und das war wichtig bei den Vorhaben des Vereins, wie Stegsanierungen und dem Bau des Jugendhauses. Du warst noch gesund und voller Schaffenskraft und konntest mit deinem handwerklichen Können, deinen Ideen und Beziehungen tatkräftig zum Gelingen der Bau- und Sanierungsvorhaben beitragen.
Dann wurdest du der Kutterkapitän des Sees und hast den Gästen den Inselsee mit seinem Naturell, dem Umfeld und den fliederfarbenen Schwänen rübergebracht.
Anfang der 2020er kam die unselige Coronazeit über uns. Vorher hast du mit Conny eine starke Partnerin gefunden, die dir zur Seite stand und eine starke Stütze wurde. Dieses Coronavirus hat deinen Körper geschwächt und dich gesundheitlich aus der Bahn gebracht. Das hast du zwar überspielt, aber leider gehörst zu denen, die sich davon nicht mehr richtig erholt haben. Shit!
Du wirst uns fehlen!
Du hast ein Leben gelebt, wozu andere 200 oder 300 Jahre gebraucht hätten, intensiv, exzessiv, gesellig und hast dabei nie vergessen, anderen zu helfen und Gerechtigkeit walten zu lassen!
Ja, der nachfolgende oder auch dein Leitspruch, hat dich dein Leben lang positiv begleitet:
„Geht nicht, gibt`s nicht!“
In diesem Sinne danken dir die Segler vom Wassersport-Verein-Güstrow 1928 e. V. und wünschen dir für deine letzte große Langfahrt
Goode Wind!
Carsten Jansen
Güstrow, Februar 2026
